Supervision für Fachkräfte im Gesundheits- und Sozialwesen

Ich bin meine Arbeit!?? Resilienz fördern in Zeiten beruflicher Unsicherheit – und wie Supervision Sie dabei unterstützt

Supervision und Beratung stärkt die seelische Widerstandsfähigkeit in Krisen

In diesem Beitrag beschreibe ich die Auswirkungen hoher beruflicher Anforderungen auf Ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit, und welche Rolle Resilienz bei deren Bewältigung spielt.

Mit der Entwicklung einer belastbaren, seelischen Widerstandsfähigkeit, Ihrer Resilienz, wächst die Chance, in Zeiten zunehmender Unsicherheit

  • gesund und leistungsfähig zu bleiben
  • ihre Arbeitszufriedenheit zu erhalten und
  • rasch wechselnden Rollenanforderungen zu begegnen.

Ich erkläre, warum in der heutigen Arbeitswelt die Scham eine so große Rolle spielt, und welche Möglichkeiten Supervision und Beratung bietet, um der Hybris des “alles ist möglich” – und damit der Angst vor dem Versagen – zu begegnen.

Ein rascher Wechsel beruflicher Anforderungen erzeugt hohen Anpassungsdruck

Die heutige Arbeitswelt zeichnet sich durch eine Vielfalt neuer Herausforderungen aus:

  • Angestellte sehen sich mit immer kürzeren Vertragslaufzeiten und Befristungen ihrer Anstellungen konfrontiert
  • Projektorientiertes Arbeiten in vielen Arbeitsfeldern bedeutet häufig wechselnde Teams
  • Benchmarking und andere Leistungsmessungen verwandeln die Welt gesicherter Arbeitsverhältnisse in eine von zunehmendem Konkurrenzdruck geprägte Landschaft
  • Das soziale Gefüge lebenslanger Beschäftigung in einem Traditionsunternehmen unterliegt einer immer stärkeren Erosion.

In einer Arbeitswelt, deren bisherige, zeitliche und räumliche Grenzen durch Globalisierung, Virtualisierung und Technisierung aufgelöst werden, steigt die Anpassungsleistung für jeden einzelnen Arbeitnehmer. Aber auch selbständig Tätige finden sich in einer Zeit des rasanten Wandels ehemals vertrauter Strukturen und Systeme diesem Anpassungsdruck ausgesetzt.

Ständige Weiterbildung, lebenslanges Lernen und Übernahme immer größerer Verantwortung für die eigene Arbeitsleistung kennzeichnen die Anforderungen, die an Führungskräfte gestellt werden, wenn sie auf einem so beweglichen “Marktplatz der Arbeit” bestehen wollen.

Die damit einhergehende Angst, nicht mehr den Anforderungen und Erwartungen zu genügen, produziert ein immer größeres Maß an Unsicherheit. Gerne hören wir die positivistischen Stichworte „Ich-AG“ und „Marke ICH“, wenn es darum geht, dem unangenehmen Druck dieser Erwartungen zu begegnen. Jeder muss sich nur etwas mehr anstrengen, eigene Werte entwickeln, sich positionieren und profilieren, dann wird er schon bestehen.

Entsprechende Angebote auf dem Weiterbildungsmarkt finden sich viele. Sie versprechen Erfolge durch Wissen, Flexibilität und Mobilität. Jeder muss sich ständig neu erfinden, um sich den Anforderungen eines globalisierten, individualisierten Marktes gewachsen fühlen zu können. Doch damit werden diese Anforderungen auch verinnerlicht. Wer es wagt, sie infragezustellen, riskiert, schnell aus dem Rennen zu sein. Das bedeutet nicht selten einen Spagat zwischen persönlichen Bedürfnissen nach Zufriedenheit und Sinn-erfüllter Arbeit, und den beruflichen Rollenerwartungen.

Das Zeitalter der Scham

Leider funktioniert das, was in der Theorie so hochglänzend wirkt wie ein Werbeprospekt, in der täglichen Realität nur begrenzt. Die Folgen des beschriebenen Erwartungsdrucks zeigen sich in einem rasanten Anstieg arbeitsbedingter, seelischer Erkrankungen. Die menschliche Seele leidet immer häufiger unter Zeichen einer drohenden Erschöpfung.

Im Hintergrund dieser Entwicklung können wir auf der individuellen wie der sozialen Ebene den wachsenden  Einfluss eines Phänomens entdecken, das tiefgreifende Auswirkungen auf unser Selbstwertgefühl hat: Die Scham wird zum Leitaffekt einer Arbeitswelt, in der die Identifizierung des Selbstwertes mit dem Wert der Arbeitsleistung zusammenfällt.

Scham bezeichnet ein seelisches Phänomen, bei dem der Blick im Zentrum des Geschehens steht.

  • Wie sieht mich der Andere, wie sehe ich mich selbst?
  • Entspreche ich dem Ideal meiner Vorbilder, zu denen ich aufschaue – die jedoch folglich auch auf mich herabschauen können?
  • Wie sehe ich mich selbst, wenn ich mich „objektiv“ betrachte, statt „subjektiv?
  • Welches An-Sehen genieße ich in meinem Freundeskreis, meiner Familie oder dem Unternehmen?
  • Was für ein Bild machen sich potentielle Arbeitgeber von mir, meinem äußeren Erscheinungsbild, meinen vorzeigbaren Erfahrungen, Ausbildungen und Leistungen?

Während Schuldgefühle uns immer noch die Möglichkeit geben, einen Fehler, den wir begangen und erkannt haben, zu entschuldigen oder zu korrigieren und damit Wiedergutmachung zu leisten, gelingt das, wenn wir Scham empfinden, nicht mehr. Wir machen keinen Fehler, wir SIND der Fehler. Wir versagen nicht an einer umrissenen Aufgabe, wir SIND Versager.

Scham ist Ansichts-Sache

Immer häufiger wird die Konkurrenzfähigkeit des Einzelnen im Kampf um Aufträge, Projekte und Jobs daran bemessen, wie seine „Visibility“ in sozialen Netzwerken ist. Personal Branding benennt zwar die Authentizität der Selbst-Darstellung als zentrale Größe, aber damit geht auch die zunehmende Angst einher, dass ich unter dem Blick des Anderen nicht bestehe, keine Beachtung finde, wenn meine Internetseite keinen entsprechenden „Traffic“ bekommt, in der Masse der vielen anderen, Vereinzelten untergehe oder gar überhaupt nicht im „Netz“ präsent bin.

Existiere ich, wenn ich bei Google nicht auffindbar bin? Jeder gegen jeden, das scheint im Zeitalter der Netze der Vergangenheit anzugehören. Jetzt heißt es: “Wer mag wen?”

Aber was mache ich, wenn mich kaum jemand „liked“?

Dieses Gefühl macht schnell ohnmächtig. Wir fühlen uns ausgeliefert, hilflos und tief verunsichert. Unter dem Druck der rasanten Konkurrenz scheint alles wünschenswert, was uns unangreifbar und unempfindlich für Kränkungen macht. Wer Schwäche zeigt, gilt oft genug als nicht durchsetzungsfähig. Social Skills sind zwar aus den Lehrbüchern des modernen Managements nicht mehr wegzudenken, aber wer wirklich ernst macht damit, und diese Skills auch auf sich selbst anwendet, wird für seine Offenheit nicht selten belächelt, schräg angesehen und „von oben herab“ behandelt.

Angst erzeugt die Hybris des “alles ist möglich”

Leider reagieren Viele auf diese hohen Anforderungen mit einem „mehr Schein als Sein“, der Hybris des “alles ist möglich” und “wir schaffen das, koste es was es wolle”. Sie verfangen sich damit nur noch tiefer im System der Scham.

In meinen Supervisionen und Beratungen höre ich oft von der Angst, irgendwann als Hochstapler entlarvt, oder „vorgeführt“ zu werden. Irgendwann könnte jemand kommen, der meine Schwächen entdeckt, sie an die Öffentlichkeit zerrt und zu seinen eigenen Vorteil ausnutzt.

In den Medien begegnen uns fast täglich Berichte über tief gestürzte Manager. Wir lesen in schonungslosen Aufdeckungen von Missständen und Fehltritten der Prominenz. Auch hier begegnen wir einer Kultur der Beschämung, die jedem Einzelnen vor Augen führt, was er zu erwarten hat, wenn mit der totalen Transparenz kein Bereich des Privaten, des Verborgenen und Geschützten mehr existieren wird.

Doch die Anforderungen an die Präsenz in neuen Medien steigen auch für Angestellte und Selbständige. Wer sich Chancen gegenüber der immer jüngeren Konkurenz auf dem Arbeitsmarkt verschaffen möchte, denkt über “Xing”, “LinkedIn” oder auch eine eigene Website nach, um für neue Arbeitgeber oder Kunden und Klienten attraktiv zu sein. Damit steigen die Chancen, aber auch die Risiken einer zunehmenden Öffentlichkeit eigener Profile, Professionen und Portfolios.

In dieser Atmosphäre, die eine diffuse Angst erzeugen kann, sich verfolgt und bedroht zu fühlen, wird Sicherheit zur Mangelware. Auf der Suche nach Orientierung und Beruhigung versprechen strategische “How-to”-Methoden schnelle, einfache Lösungen.

Anders sieht das mit der intensiven, persönlichen und eingehenden Auseinandersetzung mit den beschriebenen Entwicklungen aus. Wer eine belastbare, reflektierte innere und äußere Haltung zu dieser Dynamik einnehmen möchte, braucht mehr Zeit. Diese Herangehensweise setzt voraus, dass wir uns mit neuen Anforderungen auseinandersetzen, aus Erfahrungen lernen und diese verinnerlichen können. Die dazu erforderliche Geduld ist schwerer aufzubringen. Sie erfordert eine höhere Frustrationstoleranz, eine größere Bereitschaft, sich eingehend mit sich selbst und dem eigenen Rollenverständnis im Beruf, persönlichen Wertvorstellungen und der eigenen Geschichte zu beschäftigen.

Doch meines Erachtens lohnt sich dieser Aufwand ganz beträchtlich. Je mehr wir über unsere eigenen Stärken und Schwächen wissen, desto authentischer können wir neuen Herausforderungen begegnen. Je bewusster wir uns unserer Grenzen sind, desto wirksamer lassen sich darin eigene Möglichkeiten entfalten. Die Angst vor Überforderung, Scheitern und Versagen verringert sich erheblich. Das Risiko, auszubrennen, vermindert sich.

Supervision und Beratung stärkt Ihre Resilienz

Resilienz beschreibt die Fähigkeit, psychische Gesundheit auch unter starken Belastungen zu bewahren. Sie wird als Gegenstück zur Vulnerabilität, also einer hohen Kränkbarkeit oder Verletzbarkeit, definiert, und setzt sich aus verschiedenen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren zusammen.

Menschen mit einer hohen Resilienz verfügen über bewusste und unbewusste, kognitive und emotionale Bewältigungsstrategien, um seelischen, körperlichen und sozialen Belastungen zu widerstehen, Krisen und Konflikte erfolgreich zu bewältigen und für ihre psychische Entwicklung zu nutzen.

Auch in der Organisationspsychologie hat der Begriff der Resilienz Einzug erhalten. Hier werden Organisationen als Systeme auf ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und Belastungen untersucht.

Als Supervisor betrachte ich die gemeinsame Reflexion beruflicher Fragestellungen als eine hervorragende Möglichkeit, um persönliche und berufliche Resilienz zu fördern. Supervision hilft Ihnen,

  • kritische Entwicklungen zu identifizieren und zu verstehen
  • individuelle Voraussetzungen zu klären, die die Wahrnehmung ihrer professionellen Rolle prägen
  • persönliche und berufliche Ressourcen zu erkennen und einzusetzen, um
  • Bewältigungsstrategien zu entwickeln und
  • Belastungssituationen zu verarbeiten.

Psychoanalytische Supervision erweitert den Blickwinkel der Beratung im beruflichen Kontext um die Betrachtung der unbewussten Dynamik innerer und äußerer Realität Ihrer beruflichen Rolle im sozialen Umfeld Ihrer Organisation, Ihres Arbeitsfeldes und der sozio-kulturellen Voraussetzungen.

 

Über Sönke Behnsen

Psychoanalytiker (DPV/IPA, DGPT), Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Supervisor und Psychotherapeut mit Praxis in Wuppertal-Elberfeld. Als Supervisor habe ich mich auf die Beratung von Arztpraxen, Psychotherapeuten und sozialen Fachkräften spezialisiert, die selbständig oder in Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens arbeiten.

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