Wer nach schnellen Antworten sucht, findet in der Psychoanalyse einen wehrhaften Gegner. Aber was macht Sinn im SMS-Zeitalter? Lohnt sich die Investition der Zeit, die eine Entwicklung „in der Beziehung“ benötigt?

Was sich auszahlt: Lernen aus Erfahrung hat den tieferen, längeren Atem.

Und was mache ich jetzt damit?

Frau M., eine 28jährige Patientin, fragt mich in ihren Behandlungsstunden regelmäßig nach ca. 20 Minuten: „Und, was mache ich jetzt damit?“ Eine gute Frage an einen Psychoanalytiker…

Damit macht sie mich immer wieder auf eines ihrer Grundthemen aufmerksam. Sie gehört zur „Generation Y“, der nach 1984 Geborenen, denen man nachsagt, dass sie über eine kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügen. Sie ist mit SMS, Twitter, Tumblr und anderen Mikro-Formaten groß geworden.

Sie lebt im Zeitalter der ADHS – der „Entdeckung“ der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, bzw. deren Inflation im Diagnosebaukasten ihrer Ärzte. Da heißt es in manchen Mitteilungen einfach nur noch:

tl;dr – too long, didn’t read.

Kleine Häppchen, bitte!

Für Frau M. sind unsere 50minütigen Therapie-Sitzungen nur schwer verdaulich. Sie wirkt schnell unruhig und angespannt, sobald in den Stunden ein etwas entspannteres, langsameres Tempo entsteht. Ihre Frage „Und, was mache ich jetzt damit?“ drängt auf eine Antwort, die sie beruhigen könnte.

Sie möchte etwas erfassen, begreifen, verstehen, und zwar möglichst rasch. Ihr Wissensdrang hat sie in ihrem Beruf sehr erfolgreich gemacht. Doch offenbar ist etwas auf der Strecke geblieben. Seit einigen Monaten klagt sie über Schlafstörungen und Nervosität.

Die Folge: sie schob Aufgaben immer häufiger vor sich her, sie „prokrastinierte“, wie sie schuldhaft eingestand. Der dadurch entstehende Druck wurde immer größer. Dann kam sie mit der Verdachtsdiagnose „Burnout“ in meine Sprechstunde. Das hatte ihr ermöglicht, sich überhaupt auf eine Psychotherapie einzulassen. Sie wollte wissen, was mit ihr los ist.

Vom Wissensdrang zum Aushalten von „Nicht-Wissen“

In unseren ersten Begegnungen irritierte sie vor allem, dass ich „so wenig sage, so wenig anbiete“. Aber sie war neugierig, denn zugleich stellte sie erstaunt fest, dass ihr auch lange niemand mehr so aufmerksam zugehört habe.

Es schien ihr jedoch unvorstellbar, dass es etwas geben könnte, was wir noch nicht wissen, und das uns nicht dazu veranlassen müsste, hektisch nach Erklärungen und Lösungen zu suchen. Für sie war ein Therapeut jemand, der zuhört, um dann Erklärungen zu geben. Sie hatte auch überlegt, ob ein Coaching nicht geeigneter für sie wäre.

Wenn da nicht ihre Erfahrung aus einer Kurzzeit-Therapie gewesen wäre, mit der sich vor einem Jahr ihre Angst vor großen Menschenmengen auflösen ließ. Glücklich über den raschen Erfolg, hatte sie sich schnell wieder an die Arbeit begeben, in der sie Vorträge und Präsentationen am laufenden Band und vor großem Publikum halten musste. Ihre Angst hatte sie damals vor schier unlösbare Aufgaben gestellt, und ihre Karriere gefährdet.

Doch dann hatte sie nach einiger Zeit bemerkte, dass sie immer schlechter schlief, sich morgens antriebslos und zugleich nervös fühlte. Enttäuscht musste sie feststellen, dass zwar ihre Angst nicht mehr auftrat, aber offenbar etwas Anderes an ihre Stelle getreten war.

Dass ich ihr nicht direkt sagen konnte, was das ist, machte sie im Erstgespräch ratlos und verärgert zugleich. Doch mein Angebot, das in einer gemeinsamen, psychotherapeutischen Arbeit herauszufinden, ließ sie zumindest hoffen, dass es nicht noch einmal zu einer solchen Enttäuschung kommen würde, wie nach ihrer Kurzzeit-Therapie. Sie ließ sich auf eine tiefenpsychologische Langzeittherapie ein, ohne eigentlich zu wissen, was sie erwartete. „Ich hätte nicht gedacht, dass es in den ersten Stunden schon so intensiv werden würde.“ Damit reagierte sie auf ein Beziehungsangebot, halb verunsichert, halb angerührt, dass sich da jemand offenbar mehr Zeit mit ihr nehmen will.

Beziehungsarbeit vs. Skills-Training – was will ich für mich erreichen?

In psychoanalytisch begründeten Therapieverfahren gilt der Grundsatz „Arbeiten in der Beziehung – an der Beziehung“. Wissensvermittlung, Training von Fertigkeiten und aktives Verändern von Denkmustern treten in den Hintergrund. Stattdessen gibt es Raum, Zeit und „Not Knowing“. Nicht-Wissen, Zuhören und offenes Fragen gehören zur Grundausstattung jedes Psychoanalytikers. Doch die Bereitschaft, sich auf einen Entwicklungsprozess einzulassen, der von einer vertrauensvollen Beziehung getragen wird, muss oft erst entstehen. Was zunächst Angst macht, ist die Unsicherheit, die dadurch aufkommt.

Dabei geht es nicht nur um die Beziehung zueinander, sondern auch um die Beziehung zu sich selbst. Wie gehe ich mit mir um? Was verlange ich vom Leben, von mir und meinen eigenen Lebens-Entwürfen?

Das gilt für Therapie und Beratung gleichermaßen. So begegne ich in Vorgesprächen mit Supervisions-Klienten oft dem Wunsch, lösungsorientiert statt problemorientiert zu arbeiten. Wenn es dann gelingt, miteinander über diese Erwartung ins Gespräch zu kommen, wird meistens  „lösungsorientiert“ mit „schnell“, und „problemorientiert“ mit „langatmig“ und „sich im Kreis drehen“ assoziiert.

Doch es gibt auch einen gegenläufigen Trend. Die Sehnsucht danach, „endlich einmal Zeit zu haben, um in Ruhe miteinander nachdenken zu können, was eigentlich los ist“ wächst. Zeit- und Kostendruck lassen die ursprüngliche Motivation in der psychosozialen Arbeit in den Hintergrund treten: Menschen zu helfen, die ein Beziehungs- UND ein Lösungsangebot suchen.

Psycho-SMS: Fassen Sie sich kurz – Unzufriedenheit im Minuten-Takt

Als ich noch in einer psychiatrischen Praxis als Ferienvertreter arbeitete, begegnete mir dieses Elend hautnah. Sowohl ich – als behandelnder Arzt – als auch meine Patienten litten unter dem Zeit-Takt, der durch den Andrang im Wartezimmer bestimmt wurde. Wenn ich mit meiner Arbeit fertig werden wollte, musste ich spätestens nach fünf Minuten auf den Punkt kommen – besser noch: schon den nächsten Patienten im Behandlungszimmer nebenan begrüßen. Nicht nur meine Patienten kamen sich wie auf einem Fließband vor.

Ein Kollege brachte es auf den Punkt: „Wir machen Psycho-SMS – Short Messaging Service für schwer seelisch Kranke“. Und quittierte nach einigen Jahren völlig frustriert seinen Dienst in einer gut laufenden, aber eben auch aufzehrenden Praxis, die ihn in eine Erschöpfungs-Depression getrieben hatte.

Achtung – dieser Beitrag enthält über 1200 Worte: ein langer Text, der Ihre durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne bei weitem übersteigt

Laut Edy Portmann, Forscher an der Universität Berkeley, ist die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Internetnutzers von 12 Minuten im Jahr 2002 auf nunmehr fünf Sekunden im Jahr 2012 gesunken. Eine dramatische Entwicklung. Sie illustriert einen Trend, der sich in unzähligen Beispielen nicht nur für Internet-Nutzer erkennen lässt.

Damit scheint festzustehen: Psychoanalyse ist unzeitgemäß – so wie lange Texte. Sie wirkt langatmig, problemorientiert, verweigert sich schnellen Antworten und ist auf Entwicklungsprozesse angelegt, die Zeit benötigen – manchmal lange Zeit.

Ein Plädoyer für die Langatmigkeit

Doch sie bietet dadurch eben auch eine Alternative zur „Psycho-SMS“, zu kurzatmigen Schnelldiagnosen. Sie sucht nicht nach raschen Lösungen, deren Wirksamkeitsnachweis der Berater, Trainer oder Therapeut nicht antreten muss, weil er längst schon nicht mehr „an Bord“ ist. Das Beziehungsangebot, das ein psychoanalytischer Psychotherapeut, Coach oder Supervisor macht, bedeutet auch, dass er sich mit Enttäuschungen auseinandersetzen muss, die zwangsläufig auftreten. Sobald deutlich wird, dass sich eingeschliffene Gewohnheiten, tief verankerte Muster und unbewusste Phänomene immer wieder hartnäckig durchsetzen, beginnt oft erst das, was in einer frühen Schrift Sigmund Freuds mit „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ treffend beschrieben ist: ein Entwicklungsprozess, der einen langen Atem braucht. Ein Psychoanalytiker lässt sich auf diesen Prozess ein.

Aber warum soll ICH mich darauf einlassen? Was habe ich davon?

Frau M. fragt in ihren Therapiesitzungen immer wieder: „Und was mache ich jetzt damit?“ Mittlerweile erkennt sie, dass diese Frage eine aufkommende Unsicherheit signalisiert, die ihr Angst macht. Sie schmunzelt, sobald es ihr auffällt. Dann kann sie beginnen, sich näher mit inneren Verfassungen zu beschäftigen, die nach einer raschen Beruhigung drängen. Dass ich mich als ihr Therapeut zurückhalte, statt diesem Drängen mit einer Antwort nachzugeben, hatte sie zunächst ungeduldig und ärgerlich, später neugierig gemacht. Es ist eine neue, befremdliche Erfahrung.

Lernen gelingt besser durch Erfahrung

Ob Therapie, Supervision, Beratung, Coaching… allen ist – sobald Sie damit einen Psychoanalytiker beauftragen, eines gemeinsam: Es geht darum, aus der Erfahrung zu lernen. Und was sich als Geistesblitz, als Aha-Moment oder „Jetzt hab’ ich’s verstanden“ innerhalb von Sekunden einstellt und den Anschein erweckt, als benötige es nur eines Bruchteils einer Minute, um eine tiefe Einsicht zu erlangen, stellt sich bei näherem Hinsehen als das Ergebnis eines langen Reifungsprozesses heraus.