Krisen schlagen oft wie meterhohe Wellen über erfahrenen Kollegen zusammen. Meistens berichten sie mir in der Supervision, dass sie es irgendwie haben kommen sehen, aber dann doch keine Möglichkeit gefunden haben, einer kritischen Entwicklung etwas entgegenzusetzen.

In solchen Situationen ist es schwer, den Kopf über Wasser zu halten. Manchmal hilft nur gezieltes Abtauchen – nicht als Vermeidungsstrategie, sondern als Möglichkeit, um sich mit in der Tiefe verborgenen, unbewussten Ursachen vertraut zu machen.

Als ich zum ersten Mal am Ufer des pazifischen Ozeans stand, war ich fasziniert von den meterhohen Wellen. Zugleich lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich stellte ich mir vor, wie es sich anfühlen würde, von einer solchen Welle mitgerissen und überrollt zu werden. Wie in einer Waschmaschine im Schleudergang.

Carlos, mein einheimischer Freund, schien nichts dergleichen zu befürchten. „Vamos!“, rief er, „hinein ins Wasser!“

Doch er bemerkte meinen besorgten Blick und lachte. „Wir schwimmen zusammen. Ich zeig Dir, wie es geht.“ Er muss es wissen, dachte ich, er ist hier zuhause. 

Bald waren wir einige zehn Meter geschwommen, ohne dass irgend etwas passiert war. Ich blickte zurück an den Strand, wo weiterhin die Wellen auf den Sand krachten.

Plötzlich rief Carlos: „Dreh‘ Dich um!“ – Mir blieb fast das Herz stehen. Eine immer größer werdende Welle rollte auf uns zu, ohne dass ich sie bemerkt hatte. Nur wenige Sekunden noch, und sie würde über unseren Köpfen zusammenschlagen. Wie sollte ich nur über Wasser bleiben?

Doch jetzt rief er: „Tief tauchen!“ Wie?! Ok, das kenne ich. Schnell holte ich tief Luft – und tauchte ab. Als ich wieder an die Wasseroberfläche kam, konnte ich es kaum fassen: irgendwie musste die Welle über unseren Köpfen ihren Weg gefunden haben. Wenig später hörte ich, wie die Brandung, eben noch über uns, sich donnernd am Strand brach.

Manchmal hilft nur tief tauchen

In meinen Supervisionssitzungen habe ich oft eine ähnliche Erfahrung gemacht. Wenn ich mir schildern lasse, welche Maßnahmen ergriffen wurden, um solchen kritischen Entwicklungen zu begegnen, fallen häufig Aussagen wie „besseres Zeitmanagement“, „Priorisierung von Aufgaben“ oder „Umstrukturierung nach Kompetenzprofilen“, ohne dass diese offenbar zu einer wesentlichen Verbesserung der Situation beigetragen haben.

Meine Erfahrung ist, dass Krisen und Konflikte, die sich mit solchen „Bordmitteln“ nicht bewältigen lassen, einen anderen Lösungsansatz verlangen. Neben ihrer Erfahrung als „Schwimmer“, über die kompetente Fachkräfte verfügen, um sich im beruflichen Alltag „über Wasser“ zu halten, fehlt meist das Vertrauen darin, dass „gezieltes Untergehen“, das Abtauchen in die Tiefe eines Konflikts oder einer kritischen Entwicklung, bei hohem Seegang die einzige Lösung ist.

In solchen Fällen bedarf es ortskundiger Begleitung. Als Psychoanalytiker fühle ich mich sozusagen „einheimisch“ in den beunruhigenden Tiefen seelischer Prozesse, die unter der Oberfläche zwischenmenschlicher Konflikte, aber auch fataler struktureller Entwicklungen in Organisationen wirksam sind.

Nun möchte ich die zu Beginn erzählte Geschichte nicht überstrapazieren, weil Sie vermutlich mittlerweile eine Vorstellung davon haben, was ich damit illustrieren möchte. Nur so viel vielleicht noch: auch in meiner Supervisionsarbeit geht es mir – neben der ernsthaften Auseinandersetzung mit oft existenziellen Problemen und deren möglicher Bewältigung – darum, den Spaß am Schwimmen nicht zu verlieren oder aber wiederzuerlangen.

Supervision schafft günstige Voraussetzungen, damit Sie nicht unter dem Wellen-Berg der Belastungen, die Ihre Tätigkeit mit sich bringt, untergehen. Eine wichtige Bedingung dafür ist ein geschützter Raum, wie ihn die Supervision anbietet.

Lernen durch Erfahrung

In meiner eigenen Ausbildung zum Psychoanalytiker habe ich in zahlreichen Supervisionssitzungen selbst die Erfahrung gemacht, wie lehrreich und wohltuend eine solche Begleitung ist. Diese „hilfreichen Gespräche im Hintergrund“ sind zugleich Lern- und Lösungsraum. Eine gute Supervision hat neben der konkreten Erfahrung, dass sich komplexe Probleme konstruktiv lösen lassen, auch das Ziel, zu lernen, diese zukünftig selbständig zu bewältigen.